7/HAMBURGER BAHNHOF

POWERGALERIE
Hamburg, 2013

„Da werden Weiber zu Hyänen
Und treiben mit Entsetzen Scherz,
Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen,
Zerreißen sie des Feindes Herz.“

Friedrich Schiller: Das Lied der Glocke, 1799

Hyänen; die ulkig schrecklichen, brutal lustigen, ungelenk galanten Katzenhunde. Albernes Gekicher entweicht ihren schönen Fratzen. Sich schüchtern duckend, aus dem Nichts der Angriff; bei lebendigem Leib verzehren sie das gerissene Tier. Grausames Gelächter. Zsu Szabos fotografische Serie zeigt ein solches nächtliches Mahl wie es filmisch in Sambia festgehalten wurde. In sieben hauptsächlich schwarzweiß gehaltenen ‚Screenshots’ sehen wir gespensterartig in der Dunkelheit aufscheinende Körper der Tüpfelhyänen. Farbig sind die grobkörnigen Fotografien dort, wo das rohe Fleisch zu sehen ist und Blut das Fell der Hyänen befleckt. Über die Farbgestaltung wird der nüchtern-dokumentarische Ansatz des Ausgangsmaterials dem aufgezeichneten Kampf um Leben und Tod gegenübergestellt. Zugleich entsteht mit der ästhetischen Annäherung an Infrarotbilder ein Kontrast zwischen der kühlen Attacke des Jägers auf der einen und dem noch lebenswarmen Leib und Blut seines Opfers auf der anderen Seite. Unverkennbar zeigt sich in der Serie aus Totalen und Nahaufnahmen die Faszination der Künstlerin für diese Tiere, die von jeher im Menschen Gefühle und Zuschreibungen paradoxen Charakters hervorrufen. Hyänen gelten als Sonnen- und Todesbringer, sind Hexenwerk und heilig.

Zwar bestritt schon Aristoteles, dass Hyänen Hermaphroditen seien, aber das Gerücht ihrer Zwitterhaftigkeit hält sich bis heute. Grund dafür könnten die bei den Weibchen vorhandenen verschlossenen Schamlippen und eine verlängerte Klitoris sein, durch die sie nicht nur urinieren, sondern auch gebären. Wegen der scheinbaren Wechselhaftigkeit ihres Geschlechts wies man ihnen selbst in Fachliteratur ein ebenso unstetes, betrügerisches Wesen zu. Mit der Sieben im Titel und der Anzahl der Fotografien zieht Szabo die Verbindung von der Hyäne zum Menschen.

Der Mensch ändert sich nach dem Volksmund alle sieben Jahre. Er packt seine sieben Sachen und zieht los – die groben Tücher, auf denen die Aufnahmen gedruckt sind, stehen für dieses nomadenhafte Lebenskonzept. Veränderung bedeutet Kampf, Verlust, Enttäuschung aber auch Befreiung, Entwicklung und Neubeginn. Der zyklische Veränderungsprozess ist deutlich weiblich konnotiert: „Da werden Weiber zu Hyänen“. Das Blut der Künstlerin auf Jäger und Gejagtem verdeutlicht: Es ist das Herz des Feindes, aber es ist immer auch das eigene Herz, das im Kampf um Überleben und Neubeginn zerrissen wird „mit des Panthers Zähnen“. Diese Katze ist letztlich das Tier in einem selbst. Unschuldige Mörder so heißt ein Buch über Hyänen, dass die Künstlerin in ihrer Jugendzeit las. Es ist dies die Zeit, in der mit dem Verlust der Kindheit meist auch der Verlust der Unschuld einhergeht. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschlechtlichkeit führt sich in der Positionierung im Lebenskampf fort, in dem einer sich manchmal wie ein unschuldiger Mörder fühlt: ängstlich geduckt, brutal angreifend, albern kichernd. Hexenheilig.

Cora Waschke

2017-09-28T10:52:03+00:00